Stichtag 30.09.2019

Vor zehn Jahren: 
Die Unesco erklärt den argentinischen Tango zum Weltkulturerbe

Tango Argentino:

Drei Minuten gegen die Realität

Von Raimund Allebrand

Der Tango ist in die Jahre geraten und hat seinen 100. Geburtstag längst hinter sich. Wer nach seiner Geschichte fragt, stößt neben ungesicherten Daten auf die Situation europäischer Einwanderer am anderen Ende der Welt. Was daraus entstand – eine existentielle Erfahrung, die sich niederschlug im einzigartigen Timbre dieser Musik und in den Texten ungezählter Tango-Lieder ­– hat seine Faszination bis heute nicht eingebüßt.

Dass sich der Tango allerdings trotz jahrzehntelanger Verunstaltung halten und in jüngster Zeit erheblich an Terrain gewinnen konnte, grenzt fast an ein Wunder. Erst auf einem Umweg über die Pariser Salons sollte sich das Tango-Sujet nach dem Ersten Weltkrieg die Anerkennung der einheimischen argentinischen Gesellschaft erobern und aus seinem anfänglichen Schattendasein heraustreten. Aus einer herablassend betrachteten Halbwelt-Musik wurde  nach und nach das kulturelle Aushängeschild von Buenos Aires und der benachbarten uruguayischen Hauptstadt Montevideo. Unterdessen ging der Tango auf europäischem Parkett eigene Wege: Im Verlauf einer rund 140jährigen Geschichte musste er sich  so manche Interpretation gefallen lassen, die als Gemeinplatz an ihm hängen blieb und so bald nicht abzuschütteln ist.

In einer kleinen Konditorei sitzen zwei oder mehr und starren verzückt auf Rudi Ratlos, der mit zackiger Bewegung seine Violine malträtiert. Zum Klang einer alten Quetschkommode schleifen pomadisierte Jünglinge willenlose Damen übers Parkett. Halbseidene Gestalten lassen schmachtende Blicke schweifen, und wenn im roten Gaslicht finsterer Spelunken der Kriminal-Tango ertönt, entfährt es auch dem letzten Vamp ganz schnell: Bonsoir, Herr Kommissar!  In Europa wurde der Tango seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu seiner eigenen Karikatur. Ob Donna Clara oder die Capri-Fischer – einheimische Tanzorchester verwässern ihn nicht selten zu einem  dürftigen Aufguss musikalischer Klischees, die sich mit dem Original aus Buenos Aires nur mehr das Genre teilen. Dennoch schafft es selbst die jämmerlichste Reduzierung auf den zugrunde liegenden Vierachteltakt (»Aha – Tango!«) niemals ganz, seine dramatische Wirkung vollends zu zerstören. Weltschmerz, Erotik und Kriminalität gingen hier eine Ehe ein.

Solchermaßen abgestempelt,  erlebt der Tango immer wieder sein Comeback, in Eruropa wie in Übersee. Neben kulturellen Faktoren verdankt er  seine Existenz seit etwa 1880 einer sozialen Umbruchsituation: Millionen Einwanderer aus zahlreichen europäischen Ländern finden den Weg nach Buenos Aires. Der Gesellschaftstanz im neuen Rhythmus antwortet hier auf Marginalisierung und Identitätsverlust der Immigranten und sucht einen Ausweg in der erotischen Beziehung. Die Erfahrung von Marginalisierung und Depression findet einen klaren Ausdruck in den lyrischen Texten der Tango-Lieder. Der Leidensdruck einer isolierten Männergesellschaft entlädt sich aber vor allem in tänzerischem Ausdruck, dessen Körpernähe und sexuelle Direktheit bürgerliche Konventionen hinter sich lässt.

Dass der Tango Europa in Wellen heimgesucht hat und in der Zwischenzeit weitgehend vergessen wurde, ist eine Konstante seiner mehr als hundertjährigen Geschichte. Dabei ähneln die Umstände des jeweiligen Revivals dem sozialen Umfeld seiner Entstehung am anderen Ende der Welt. Entsprechende historische Parallelen stechen ins Auge und lassen einen unterschwelligen Zusammenhang vermuten. Der Tango ist demnach eine Musik des Übergangs und begleitet soziale Umbruchsituationen, die dem Individuum größere Orientierungsfähigkeit abverlan-gen, als es zu leisten bereit und in der Lage ist.

Offenbar spüren auch heute nicht wenige, dass der Tango eine Botschaft hat – und an vielen Orten ein Ambiente, in dessen Umfeld man sich über das gemeinsame Interesse am Tanz zwanglos kennen lernt und Beziehungen knüpft. Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit beschwört der Tango ein Gefühl von Nostalgie und kanalisiert jene Empfindung von Entwurzelung und Orientierungslosigkeit, die in diesen Jahren um sich greift und in melancholischer Vereinzelung enden kann. Der Tango bietet hier Perspektiven an: Keiner tanzt für sich allein.